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Thomas Enzinger Regisseur---
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Über das Genre Operette
Ein Gespräch zwischen Thomas Enzinger (Inszenierung) und Wiebke Hetmanek (Dramaturgie) über die Operette "Der Graf von Luxemburg" an der Oper Dortmund.
Wiebke Hetmanek: Was bedeutet gute Unterhaltung für Sie?

Thomas Enzinger: Auf die Bühne bezogen, bedeutet es für mich gutes Theater zu machen. Ich ziehe keine Grenzen zwischen Unterhaltungstheater und dem ernsten Fach. Jede gute Komödie hat eine tragische Komponente und jede gute Tragödie bedarf einer gewissen Ironie. Gute Unterhaltung ist dann gegeben, wenn man als Zuschauer vergisst, darüber nach zu denken, welches Genre man gerade sieht. Unterhaltung zeigt sich wenn man lacht, weint, inspiriert wird, zum Nachdenken angeregt wird, auch zum aufregen – Theater ist doch so wunderbar vielfältig. Gute Unterhaltung ist meiner Meinung nach daher alles, was den Zuschauer auf diese Art und Weise berührt und ihm dem Geschehen auf der Bühne einen unmittelbaren Zugang ermöglicht – sei es durch Bilder, Pointen oder wahrhaftige Emotionen.

Hetmanek: Sie inszenieren zwar auch Opern, legen aber einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit auf die Operette. Was fasziniert Sie so an dieser Gattung?

Enzinger: Operette gehört zu den am meisten unterschätzten Kunstformen. Viele der Melodien sind um die Welt gegangen. Die Bühnenwerke von Offenbach, Strauß, Kálmán und Léhar gehören zu den am häufigsten gespielten auf der ganzen Erde. Außerdem sind die meisten Operetten stark in ihrer Zeit verwurzelt, sie präsentieren damals aktuelle Themen mit einem durchaus kritischen Zeitbezug. Die besondere Herausforderung für einen Regisseur besteht heutzutage darin, diese Geschichten in einem aktuellen Kontext zu erzählen.
Damit meine ich nicht, dass die Geschichten von damals in heutigen Kleidern daher kommen müssen, im Gegenteil: Es ist wunderbar in andere Zeiten einzutauchen. Trotzdem sollte man dem Zuschauer einen Zugang zu den scheinbar angestaubten Konflikten ermöglichen. Es gilt daher die szenischen Konflikte, Emotionen und die Probleme der Figuren in die heutige Zeit zu transferieren – dies gelingt relativ leicht, da viele der Operetten Stoffe behandeln, die auch in unserer Zeit ihrer Gültigkeit haben. Allerdings ist dieses Genre nicht nur aus diesem Grund interessant, sondern auch aus einer anderen künstlerischen Perspektive:
Die Operette vereint auf einzigartige Art und Weise die Gattungen des Musiktheaters und den Schauspiels, das ist eine riesige Herausforderung für alle Beteiligten. Die Darsteller müssen beispielsweise nicht nur erstklassige Sänger sein, sondern auch gut spielen können – auf der der Bühne müssen Menschen stehen, keine Karikaturen. Ernsthaftigkeit und Ironie dürfen keine Gegensätze bleiben bzw. werden. Nicht zuletzt gilt es an den Fäden der großen Kunst der Komik zu ziehen ohne dabei die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit zu verlieren. Für den Regisseur liegt die Herausforderung darin, diese Aspekte in einem Gleichgewicht zu halten:
Emotionen und Bilder, Pointen und Tanznummern müssen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, denn Operette ist auch Hochglanz. Es gilt auch in der ästhetischen Umsetzung eine Form zu finden, die überhöht, ohne billig oder altbacken zu wirken. Nur unter diesen Umständen können Musik, Tanz und Theater zu einer Einheit verschmelzen. Das ist eine wunderbare Aufgabe für einen Regisseur, denn man bewegt sich immer auf einem schmalen Grad: Operette als eine Form der Unterhaltung sollte man nicht ernster nehmen, als sie ist, aber so ernst, wie sie es verdient.

Hetmanek: Wie in vielen Operetten spielt auch hier der Karneval in Léhars GRAF VON LUXEMBURG eine Rolle, er dient allerdings nicht nur als bunte Kulisse, sondern spiegelt auch Aspekte der Handlung.

Enzinger: Oh ja, nicht umsonst beginnt der GRAF VON LUXEMBURG im Karneval. Im Karneval ist alles erlaubt – jeder schlüpft in eine andere Rolle und trotzdem zeigt dieses Maskenspiel das wahre Gesicht der Menschen. Die Frage ist doch, ob die Verkleidung den Menschen nicht in seiner authentischsten Form zeigt – so wie er schon immer sein wollte. Die Frage ist doch, ob wir nicht alle Narren sein sollten und uns eigentlich nur einreden, dass man das Leben ernst nehmen muss, denn wie sagte schon Goethe: Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre dann die Welt.
Das trifft wunderbar auf unsere Protagonisten zu. Die Figuren werden närrisch, sind vernarrt, werden zum Narren gemacht oder sind gezwungen zum Narren zu werden um ihr wahres Ich zu verstecken. Auf der anderen Seite ermöglicht ihnen diese Maskerade eine Offenheit, die ungewollt eine große Sehnsucht offenbart, nämlich die, dem Leben eine Leichtigkeit zu geben.
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