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Thomas Enzinger Regisseur---
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Über den Adel, die Melancholie und den Handkuss...
Ein Gespräch zwischen Thomas Enzinger (Inszenierung) und Michael A. Sauter (Dramaturgie) über die Operette "Gräfin Mariza" am Landestheater Salzburg.
Michael A. Sauter: Der Handkuss ist ja leider etwas aus der Mode gekommen. In der Operette kommt man aber nicht ohne ihn aus. Wo hast du die perfekte Kusstechnik gelernt?

Thomas Enzinger: Nun, da ich ja auch Schauspieler bin, habe ich die "reine Technik" natürlich in der Schauspielschule gelernt. Gesellschaftlich verwendet habe ich ihn dann für einen Wiener ganz standesgemäß, nämlich anlässlich eines Debütantenballs.

Sauter: Du hast das mittlerweile renommierte Operettenfestival in Schönebeck an der Elbe initiiert. Dort wurden und werden alle Perlen des Repertoires und auch unbekanntere Werke erfolgreich gespielt. Woher kommt diese Liebe zur so genannten "leichten Muse"?

Enzinger: Ganz sicher aus meinem ursprünglichen Bedürfnis heraus, Menschen zu unterhalten. Das liebe ich! Dabei sehe ich mich bewusst als Geschichtenerzähler. Und Operetten erzählen ja eine Menge Geschichten.
Meine Haltung ist, Operette so heutig wie möglich zu machen, ohne sie zwanghaft im Heute spielen zu lassen. Und sie nicht ernster, aber auch nicht leichter zu nehmen, als sie eigentlich ist.

Sauter: Mit "Gräfin Mariza" sollte bewusst an den Welterfolg der „Csárdásfürstin“ angeknüpft werden. Nicht nur deswegen werden beide Stücke gerne miteinander verglichen. Kannst du deren unterschiedlichen Rhythmus beschreiben? Die "Csárdásfürstin" kann man ja wirklich als „Tanz auf dem Vulkan“ beschreiben!

Enzinger: Ja, das sehe ich auch so. Die "Csárdásfürstin" ist geprägt von einer Endzeitstimmung, die zu einer größeren Anarchie, geradezu einer Wildheit führt. Diese weicht in der "Gräfin Mariza" einer großen Melancholie. Das Stück - seine Musik - vermittelt das Gefühl einer Sehnsucht. Die „Csárdásfürstin“ war, wenn man so will, die große Party am Samstag und „Gräfin Mariza“ ist der Sonntag danach. Mariza selbst sehnt sich ja bei ihrer Ankunft auf dem Landgut vor allem nach Ruhe. Sie hat genug von unehrlicher, geheuchelter Liebe und leidet unter ihrem Status, ihrem Geld. Das ist aber auch eine privilegierte Situation, wenn man die Entstehungszeit dieser Operette berücksichtigt.

Sauter: "Gräfin Mariza" wird manchmal im Hinblick auf die „Csárdásfürstin“ (zum Beispiel von Volker Klotz) als "Rückschritt", als "weniger vielschichtig" bezeichnet…

Enzinger: Nun, der große Vorteil der "Mariza" besteht ja gerade darin, dass es einen zentralen Konflikt gibt, der herausgearbeitet wird. Das schafft eine große Konzentration auf die Psychologie der beiden Hauptfiguren Mariza und Tassilo. Sie sind quasi das hohe Paar in der Oper, während Komtess Lisa und Zsupan ein typisches Buffo-Paar sind - viel geradliniger, einfacher gestrickt, vor allem auf die komische Wirkung angelegt...

Sauter: Der zentrale Konflikt wird ja durch Standesdünkel, verletztes Ehrgefühl, verletzten Stolz ausgelöst... Alles ist in der Welt des Adels angesiedelt und das obwohl ja der Adel in Österreich zur Zeit der Uraufführung 1924 längst abgeschafft, das Tragen von Adelstiteln verboten war… Somit wirkt das ganze Stück als eine Art "verklärter Blick" auf eine untergegangene Welt… Verändert sich damit auch das Anliegen der Gattung Operette als kritisches Zeitstück?

Enzinger: Von Offenbach weg über Strauß’ "Fledermaus" oder auch Lehárs "Lustiger Witwe" hatte die Operette meist einen fast tagesaktuellen, durchaus kritischen Zeitbezug. Und diesen hat das Publikum auch verstanden. In der "Mariza" ist der Blick nun rückwärtsgewandt. Wir finden hier auf dem Landgut der Gräfin Mariza fast eine Atmosphäre vor wie bei Tschechows "Kirschgarten". Tassilo singt ja von seiner Vergangenheit im fernen Wien, von seiner Zeit als "Csárdáskavalier"… Und am Ende singen Mariza und Tassilo von ihrem Gang ins "Märchenland"… Also ist die Welt der "Mariza" eine Welt des Abschieds, des Übergangs, ein Märchenreich… Dieser Aspekt des Blicks zurück ist also hinzugekommen oder hat sich verstärkt.

Sauter: Also findet durch den Ersten Weltkrieg eine Art Paradigmenwechsel in der Operette statt… Interessant finde ich, sich die Titel genauer anzusehen: Der leicht den Adel ironisierende Titel "Csárdásfürstin" - des Stücks angesichts des Ersten Weltkriegs - und dann der schlichte Titel "Gräfin Mariza" danach. Hat sich denn auch der Blick auf die Frau verändert?

Enzinger: Die Csárdásfürstin Sylva Varescu erscheint wesentlich emanzipierter, unabhängiger von gesellschaftlichen Konventionen als die Mariza. Sie steht der Adelswelt unbeeindruckt gegenüber. Ihr geht es einzig und allein um den Menschen, um ihre Liebe zu Edwin.

Sauter: Sie singt ja auch "Mag die ganze Welt versinken…"

Enzinger: Ja, und Mariza ist, bei aller Sehnsucht nach Ruhe usw., doch ein Kind ihrer Klasse. Sie kann letztendlich nicht über ihren Schatten springen, denkt in ihren Rastern. Sie muss erst lernen, zu sich und ihren Wünschen zu stehen. Auf der emotionalen Ebene macht sie die größere Entwicklung als Sylva durch, wenn auch das Stück selbst ein altes Gesellschaftsbild zu bestätigen scheint.

Sauter: Das Interesse an der Welt des Adels scheint ja auch heute noch ungebrochen. Adelstitel verschaffen immer noch ihren Trägern eine gewisse Aura ohne mit einer eigentlichen Leistung verbunden zu sein. Und manche meinen ja, überspitzt gesprochen, dass "Schicksale" eigentlich nur Adlige haben…

Enzinger: Ich denke, das hat mit einem Gefühl der Sorglosigkeit zu tun, das dem Adel, von dem angenommen wird, dass er meist frei von materiellen Sorgen ist, zugeschrieben wird. Man assoziiert mit dem Adel eben die Märchenwelt der Prinzen und Prinzessinnen, eine heile, geordnete Welt, in der der böse Drache am Ende besiegt wird. Das sichere Gefühl zu haben, dass trotz aller Schwierigkeiten am Ende alles gut wird und die Liebe siegt, ist ja das Schöne an der Operette. Sie ist ein Märchen für Erwachsene. Oder eben, modern gesprochen, eine „soap opera“ die wegführt von der eigenen kleinen Reihenhaus-Welt…

Sauter: Also ist sie ein utopischer Gegenentwurf zur realen Welt, der gerade deswegen verklärend, auch kitschig sein darf… Ist denn das kleine Mädchen, das du als Figur dazu erfunden hast, als Blick von außen auf diese Utopie zu verstehen? Oder schaut hier die Jugend auf eine untergegangene Welt?

Enzinger: Vermutlich ist beides richtig. Diese Welt übt ja eine ungebrochene Faszination aus. Denken wir nur daran, dass viele Kinder immer noch Prinz und Prinzessin spielen. Aber gleichzeitig hat – für die Jugend – diese Welt etwas Unverständliches, Fremdes, eben Anachronistisches… das empfinden wir ja auch angesichts des Adels. Man muss aber auch die Frage zulassen, ob man in einer Welt von lauter Gleichen leben möchte? Oder ob Liebe ohne Streit überhaupt geht?

Sauter: Freud charakterisiert Melancholie als "tiefe schmerzhafte Verstimmung", als "eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt"… Das beschreibt ja die Sicht der "Mariza" auf die vergangene österreichische Lebenswelt und die melancholisch eingefärbte Musik Kálmáns, die zwischen Csárdás – als folkloristisches Element dem Landgut zugeordnet - und Walzer – als Gesellschaftstanz der Stadt Wien zugeordnet – pendelt...

Enzinger: Die große Vaterfigur, der Kaiser, ist weg und mit ihm der sichere, ordnende gesellschaftliche Bau. Man muss sich neu positionieren, sich auch finanziell neu ordnen. Eine Welt ohne Orientierung, ohne Bezugspunkt. Da man vom Kommenden nichts ahnt, muss man sich mit dem Alten beschäftigen. Auch davon erzählt „Gräfin Mariza“. Die Gräfin pflegt mit Sicherheit eine Depression, was sich in ihrem Rückzug aufs Landgut ausdrückt. Die Folkloreelemente dienen der Unterhaltung der Gesellschaft, der Walzer dagegen treibt die Gefühle zweier Menschen weiter. Walzer allein für sich geht kaum, somit findet der Ausdruck der Gefühle der Figuren besonders im Csárdás statt. Das geht.

Sauter: Wie ernst darf oder muss man die in allen Operetten innewohnende Absurdität nehmen? Darf oder muss man an die gezeigte Operettenwelt glauben?

Enzinger: Die Operetten an sich präsentieren völlig überhöhte Figuren, die aber für jeden nachvollziehbare, ehrliche Gefühle beinhalten. Und Gefühlen, ganz generell, sollte man sich immer mit der größtmöglichen Ehrlichkeit nähern. Man darf sich nicht über Gefühl lustig machen. In diesem Sinne, darf, sollte, muss man an die Operettenwelt glauben!
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