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Thomas Enzinger Regisseur---
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Operette ist Hochglanz
Interview mit Thomas Enzinger anlässlich der Inszenierung der CSÁRDÁSFÜRSTIN am Staatstheater Braunschweig. Regisseur Thomas Enzinger zwischen den Proben im Gespräch mit Jens Neundorff v. Enzberg
NEUNDORFF: In den Proben zu Kálmáns CSÁRDÁSFÜRSTIN herrscht eine gute, nahezu ausgelassene Stimmung. Man merkt, dass Ihnen das Genre liegt, Sie mit Energie und Enthusiasmus arbeiten und Lust auf Operette haben. Lust auf ein Genre was meiner Meinung nach immer wieder unterschätzt wird, bei dem zum Teil für das Genre fahrlässiger Unfug betrieben wird, was nicht selten dazu geführt hat, dass das Publikum dann mit uninspirierten Inszenierungen konfrontiert wurde und nicht selten schlechtgelaunt das Theater verlies. Sie haben in den letzten Jahren sehr viele Operetten und auch Musicals inszeniert, was reizt Sie an beiden Unterhaltungsformen?

ENZINGER: Ich sehe mich in erster Linie als Geschichtenerzähler und Geschichten und Inhalte mittels der wunderbarsten, emotionalsten Kunstform, der Musik, zu vermitteln ist - ja, ein Privileg. Die Genres Operette und Musical sind eine große Herausforderung, nicht zuletzt, weil die Anforderungen so vielfältig sind. Nehmen wir zum Beispiel Operette: Auf der Bühne müssen Menschen stehen und keine Karikaturen, die Darsteller müssen nicht nur hervorragend singen können sondern auch gute Schauspieler sein, , die Leichtigkeit des Genres muss hart erarbeitet werden, ohne aber an der Oberfläche zu bleiben, Ernsthaftigkeit und Ironie dürfen keine Gegensätze bleiben bzw. werden und nicht zuletzt gilt es an den Fäden der großen Kunst der Komik zu ziehen ohne dabei die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit zu verlieren. Ich muss Ihnen recht geben, Operette wird unterschätzt und allzu oft krampfhaft und unoriginell unter dem Deckmantel modernes Theater tot inszeniert oder aber, genauso schlimm, altbacken und völlig uninspiriert aufbereitet. Operette als eine Form der Unterhaltung soll man nicht ernster nehmen, als sie ist, aber so ernst, wie sie es verdient.

NEUNDORFF:Die Werke, die heute im engeren Sinne als klassische Operette bezeichnet werden, entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts in den Unterhaltungsmetropolen Wien und Paris. Unmittelbar Vorläufer waren unter anderem die Opéra comique oder Vaudeville-Komödien des Pariser Jahrmarktstheaters, auch die sogenannte große Oper muss man dazu zählen. Bald schon gab es eigene Entwicklungen und Traditionen in Berlin, London und anderen europäischen Großstädten. Der Terminus "Operette" ist ein Kunstbegriff der Verleger, die meisten Komponisten verwendeten die Bezeichnung "komische Oper". Der entscheidende Impuls für die Entstehung der Wiener Operette ging von Frankreich aus: Die Werke Offenbachs, in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts in Wien am Carltheater gespielt, begründeten diese neue Form des Musiktheaters. Als Geburtsstunde der eigentlichen Wiener Operette gilt die Aufführung von Suppés "Das Pensionat" (24. 11. 1860) ebenfalls am Carltheater. Ausgehend von Offenbachs "opéra bouffe" entwickelte die Operette in Wien bald ihr charakteristisches Lokalkolorit. Nach Franz von Suppé, dessen Werke die 1860er Jahre dominierten, brach mit "Indigo" von Johann Strauß Sohn 1871 die Zeit der so genannten "Goldenen Operette" an. Neben Strauß Sohn und Karl Millöcker sind weitere Vertreter der "Goldenen Operette" Zeller, Heuberger Senior, Szibulka, Ziehrer und der Librettist Genée zu nennen. Das wichtigste Operettentheater blieb das Carltheater, daneben waren das Theater an der Wien, das Ringtheater (Wiener Operettentheater)und das Strauß-Theater wichtige Aufführungsorte, in denen namhafte Interpreten ihre Triumphe feierten. Mit der Jahrhundertwende erlebte die Operette eine zweite Ära, die sogenannte "Silberne Operette", beginnend mit Reinhardts "Das süße Mädel" (1901). Typische Werke dieser Epoche sind unter anderem Lehárs "Lustige Witwe", "Ein Walzertraum" von Straus oder Falls "Dollarprinzessin"; weitere Vertreter sind Nedbal, Benatzky, Eysler und Emmerich Kálmán, der Komponist unserer CSÁRDÁSFÜRSTIN. Wenn man allein diesen kurzen Abriss der Operettengeschichte betrachtet, fällt auf, dass viele Namen von Komponisten und Titeln nahezu total in Vergessenheit geraten, oder nur noch "Insidern" bekannt sind. Woran liegt dies Ihrer Meinung, ist die Operette nicht mehr zeitgemäß?

ENZINGER: Schauen Sie, das ist wie mit dem halb vollen und halb leeren Glas. Diejenigen, die daran fest halten, dass Operette nicht mehr zeitgemäß ist, werden auch mit den besten Argumenten nicht davon abzubringen sein. In jeder Kunstform geraten Dinge in Vergessenheit - oft, wenn natürlich auch nicht immer, zu Recht. Wie viele Opernkomponisten und Werke kennt kaum mehr jemand und trotzdem würde niemand behaupten, eine z.B. Zauberflöte oder eine Bohéme ist nicht mehr zeitgemäß. Ich werde nicht müde, all den Kritikern zuzurufen: Lasst doch endlich die Operette in Ruhe - nicht umsonst gehöre einige Werke zu den meistgespielten Stücken auf der ganzen Welt. Volker Klotz hat ein Buch mit einem wunderbaren Titel geschrieben: Operette, die unerhörte Kunst. Eine wahrlich treffende Bezeichnung für das Genre.

NEUNDORFF: Wenn man eine Hitliste von gespielten Operetten erstellen würde, käme Kálmáns CSÁRDÁSFÜRSTIN fraglos unter die ersten fünf. Wodurch begründet sich Ihrer Meinung die Qualität des Stückes?

ENZINGER: Die Musik, die Geschichte, der Humor und der spannende zeitliche, geschichtliche Hintergrund. Die Handlung spielt kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, das Ende einer Epoche. Diese Tatsache schafft eine ungeheure dichte Atmosphäre.

NEUNDORFF: Der Hauptkonflikt, der die Verbindung zwischen dem adligen Edwin und der Chansonnette Sylva auf eine harte Probe stellt, ist, dass sie aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten entstammen. Die Uraufführung der Operette fand am 17. November 1915 am Johann-Strauss Theater in Wien statt. Es ist nicht nur die Zeit des ersten Weltkrieges, sondern auch die Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen. Was interessiert Sie an dieser Geschichte aus einer vermeintlich vergangenen Zeit und wie wollen Sie diese erzählen?

ENZINGER: Große gesellschaftliche Veränderungen haben heute genauso wenig an Bedeutung verloren, wie der Klassenunterschied. Der Konflikt Adel - "gemeines" Volk hat sich nur auf andere Ebenen verschoben. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, die Handlung deswegen in die Gegenwart zu verlegen - im Gegenteil, die Zuschauer sind emotional sehr nahe an der Geschichte und dem Konflikt. Mittels eines Kunstgriffes möchte ich zusätzlich die Besonderheiten der damaligen Zeit vermitteln.

NEUNDORFF: Jetzt haben wir zunächst über den ernsteren Hintergrund gesprochen, vor allem ist die CSÁRDASFÜRSTIN ja gute Laune und unschlagbare Melodien. Worauf darf sich der Theaterbesucher noch freuen?

ENZINGER: Operette ist Hochglanz. Ich versuche mit diesem Stück gute und gehobene Unterhaltung, im besten und erhabensten Sinne des Wortes, auf die Bühne zu bringen. Am Staatstheater Braunschweig gibt es wunderbare Darsteller und ein tolles, sehr professionelles Team. Theater ist Vielfalt und ich finde es gut und richtig, dass nach längerer Zeit hier wieder Operette gespielt wird. Ich hoffe und wünsche mir, dass mit der Csárdásfürstin sowohl das "traditionelle" Publikum als auch, für dieses Genre, neue Zuschauerschichten angesprochen werden, um mitzuerleben, was Operette sein kann - wunderbar und heutig.
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